Rock & Relax – Schöne, neue Museums-Welt?
„Freiheit ist gefährlich; sie macht die Menschen unglücklich. Wir bevorzugen das Glück.“
Aus: „Schöne, neue Welt“ von Aldous Huxley, erschienen 1932
Es gibt sicherlich kompetentere Personen als mich, denen wissenschaftliche Abhandlungen über das Glück leichter von der Hand gehen als mir. Ich bin -so glaube ich zumindest- eher für die praktische Umsetzung des Wunsches nach einem glücklichen Künstler-Leben zuständig, was mir nicht immer, aber doch erstaunlich oft gelingt. Der Künstler, die Künstlerin ist in vielen Belangen aus meiner Sicht ein recht anspruchsloses Geschöpf. Muße, Wasser, Wein, viel Kaffee, Arbeitsutensilien und manchmal auch ein gutes Stück Erdbeerkuchen gehören wie ausreichend Geld, um sich all dies leisten zu können, zu den Mindestvoraussetzungen einer künstlerischen Existenz.
Die Transformation einer kreativen Vision aus der immateriellen Welt des Geistes in die oftmals harte Welt des Kunstmarktes geschieht meist muttervaterseelenallein. Den schützenden Kokon des Ateliers oder Arbeitszimmers zu verlassen, um mit Galeristen, Kuratoren, Sammlern oder Museumsleitern zu sprechen, fällt vielen so unendlich schwer, dass sie gern auf die Hilfe einer künstlerischen Geburtshelferin -im Vorvorgestern auch Muse genannt- zurück greifen. Die Einbeziehung einer Künstleragentur ist gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Wünsche des Künstlers (wie immer sind auch hier alle, wirklich alle gemeint) nach Sichtbarkeit, Begegnungen, Resonanz und Reaktion auf das Erschaffene berühren mich oftmals in ihrer Intensität, entspringen sie doch auch ihrer Sehnsucht nach einem verstehenden Gegenüber und idealerweise einem endlosen Strom an Ausstellungsbesuchern.
Die Frage, ab wann eine Ausstellung, eine Performance, aber natürlich auch ein Konzert als Erfolg gesehen werden kann, werde ich in einem anderen Beitrag beantworten. Aber ist es wirklich reine Glückssache, Erfolg mit der eigenen künstlerischen Leistung zu haben? Und das nicht nur mit einem Projekt, einem Buch oder einer Fotoserie, sondern konstant und das manchmal ein Leben lang?
Doch was ist Glück überhaupt? Das Wort selbst leitet sich von dem mittelhochdeutschen gelücke ab und meinte einfach wertneutral den Ausgang eines beliebigen Geschehens. Erst später wurde es mit dem Wort gelingen verknüpft, also mit dem, was einem leicht von der Hand geht oder wunschgemäß verläuft.
Jeder kennt jemanden, dem alles gelingt, was er anpackt. Für alle, die sich mit Entenhausen und seinen Bewohnern auskennen: So eine Art „Gustav Gans für alle Fälle“. Andere wie sein Geflügel-Vetter Donald sind die geborenen Pechvögel: Impulsiv, eruptiv und intuitiv flattern sie von einer Panne zur nächsten, und aus einer zutiefst menschlichen Regung heraus machen sie gern andere für ihr Missgeschick verantwortlich. Die dritte Kategorie sind diejenigen, die vom Schicksal oder ungerechten Zuständen als Schwäne zu hässlichen Enteneltern geschickt worden sind und ihre schönen, langen Hälse angesichts der Betrübnis der Verhältnisse in den dreckigen Teich sinken lassen und ihr Potential nicht ausleben können.
Diese Unterscheidungen gibt es natürlich auch bei Künstlern. Wer das Pech hat, in einem Teil der Welt geboren zu sein, wo nur das pure Überleben zählt oder die Ausübung von Künsten nicht nur als verzichtbar, sondern als gotteslästerlich gilt, muss ungleich mehr Anstrengungen unternehmen als jemand, der mit künstlerischer Frühsterziehung aufwächst und von seinen Eltern auf tiktok gehypt wird. Wird die Kunst dadurch schlechter oder besser? Sehenswerter? Berührender? Handwerklich besser ausgeführt? Didaktisch-pädagogisch wertvoller? Weniger oder mehr förderungs- bzw. ausstellungswürdiger? Soll es weniger Gustav Gans und mehr Donald Ducks geben? Oder nur Schwäne, die keine sein durften?
Wäre es nicht erstrebenswert angesichts der vielerorts omnipräsenten Forderung nach Vielfalt ALLE DREI Varianten adäquat gegenüber zu stellen und nicht nur einseitig die eine ODER andere Auslegung zu präferieren? Ich bin sicherlich nicht die einzige, die sich diese und andere Fragen in diesem Zusammenhang stellt, und damit schlage ich eine Brücke zum gemeinsam genossenen Erdbeerkuchen und dem Gespräch mit einer befreundeten Künstlerin, das mich glücklich, nachdenklich UND satt gemacht hat. Ja, das alles geht zusammen, und ich denke, alles andere auch. Man muss es nur zulassen.
Nur haben andere, mit denen ich zwangsläufig immer mal wieder zu tun habe, scheinbar so ihre Probleme damit. Business ghosting, ein höchst verbreitetes, höchst ärgerliches Phänomen dieser Tage -auch darüber demnächst ein Beitrag von mir-, gehört sicherlich auch zu den Gründen, warum Museumsleitungen in Deutschland -egal ob in der Provinz oder in Top-Lagen- auf konkrete Anfragen nach Ausstellungen entweder mit nur sehr großer Verzögerung oder überhaupt nicht mehr reagieren, obwohl es in der Vergangenheit bereits eine gute Zusammenarbeit mit Ausstellungsprojekten gab. Andere verändern oder passen -wie man es auch nennen möchte- ihre Ausstellungshistorien an. Für die, die nichts damit anfangen können: Dies sind auf den websites vieler Kunstmuseen zeitliche und inhaltliche Angaben über vergangene, aktuelle und künftige Ausstellungen. Für Künstler und ihre Vertreter sind diese Kalendarien insofern wichtig, dass sie Referenzen darstellen. Wer in XY eine erfolgreiche Ausstellung hatte, qualifiziert sich in Z damit auch usw. Ich bin zufällig darauf gestoßen, dass die Ausstellungen eines Künstlers nicht mehr in der Historie genannt wurden und habe bei der Leitung nachgefragt. Ehrlich gesagt war ich überrascht, überhaupt eine Antwort zu bekommen. Sie lautete, dass dies „technische Gründe habe,…und überhaupt, andere Museen,“ -sie nannte mir zwei, mit denen ich ebenfalls zusammengearbeitet habe, „verfahren genauso.“
Das war aber nicht immer so, und das hatte auch keine technischen Gründe, denn die websites und die dafür benötigte Software funktionieren im wesentlichen genauso wie schon vor wenigen Jahren.
Was also hat sich denn geändert? Geahnt und praktisch erfahren hatte ich es schon seit einigen Jahren, aber es war gesamtmedial nie ein besonderes Thema; vielleicht in den Special interest Publikationen, die ich seltenst lese, weil ich viel zu beschäftigt mit -wie ich dachte- wichtigeren Sachen war und bin. Es stand schon seit einiger Zeit wie eine gläserne Wand im Raum, und nicht-sehend wie ich war, habe ich mir mehr als einmal die Stirn daran -Gottseidank nur metaphorisch- kunst-blutig gestoßen.
Dann fand ich des Rätsels Lösung: Die wichtigsten neuen Richtlinien für die deutsche Museumslandschaft basieren auf den überarbeiteten Ethischen Richtlinien für Museen von ICOM Deutschland und dem Leitfaden Standards für Museen des Deutschen Museumsbundes, einzusehen unter www.icom-deutschland.de
Sie setzen neue Schwerpunkte in fünf Kernbereichen:
- Gesellschaft und Vielfalt: Museen sollen stärker als inklusive Orte mit barrierefreien Zugängen, diversen Perspektiven und transparentem gesellschaftlichen Austausch agieren
- Klimaschutz und Nachhaltigkeit: Verankerung ökologischer Verantwortung in Ausstellungen und Betrieb sowie die Berücksichtigung von Klimarisiken
- Digitales und Medien: Vorgaben für den verantwortungsvollen Umgang mit Datensouveränität, KI und digitalen Risiken wie Falschinformationen. Kulturerbe wird dabei explizit als materiell, immateriell und digital definiert.
- Provenienzforschung und Restitution: Verstärkter Fokus auf die ethische Aufarbeitung von Sammlungsgütern aus Kolonialsierungsprozessen sowie gerechte Rückgabeverfahren
- Governance und Transparenz: Klare Richtlinien für Sammlungsaufbau, Leihverkehr und Finanzierungsquellen, um Unabhängigkeit zu sichern
Was hier von der KI in kurzen, knappen Aspekten zusammengetragen wurde, bedeutet in der Praxis und der Kunst-Realität, in der ich und viele andere Künstler arbeiten, Auswirkungen, deren Folgen noch nicht mal ansatzweise überschaubar sind. Welche konkret diese sein können, darüber schreibe ich demnächst in einer weiteren Fortsetzung meines blogs…Doch ob Donald, Gustav oder namenloser Schwan- bleibt dran! Das Kunstiversum braucht Euch ALLE! P.S.: Was mich besonders gefreut hat während ich diesen blog-Beitrag geschrieben habe, war, dass zwei museale Mitarbeiter an zwei Standorten in der Provinz, mir freundlich, kompetent und zeitnah auf meine Fragen geantwortet haben. Das zumindest würde ich mir auch für die Zukunft wünschen und bin fest davon überzeugt, dass wir das trotz aller Veränderungen wieder hinbekommen, oder was denkt Ihr darüber?
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